problem, problem

libanon.

beirut. erscheint mir nach zwei tagen immer noch wie eine einzige, riesenhafte baustelle. wo nicht gebaut wird, fließt ein zäher, lauter, ständig hupender und heftigst nach abgasen stinkender verkehrsbrei. zerlumpte taxis, große luxusschlitten, einige mofas, keine fahrräder. auf winzigen bordsteinen, die wirken als seien sie nicht wirklich ernst gemeint, balanciert man durch den heißen tag, schlüpft mit zunehmender gelassenheit (oder ist es dreistigkeit?) durch den relativ langsamen verkehr.

beirut scheint mir bis jetzt kein ort, an dem man urlaub machen möchte, kein ort, an dem man leben möchte. eher eine große stadt, in der viele menschen aus den unterschiedlichsten gründen unterkommen. es gibt kaum plätze zum innehalten, kaum momente der ruhe, überhaupt nur wenig offene plätze, an denen man stehen oder sitzen kann. eine altstadt habe ich bisher auch nicht gefunden. hier und da stehen noch alte gemäuer, aber die meisten sind zerfallen oder dabei zu zerfallen, nicht wenige zerbombt oder von einschusslöchern übersäht. und ständig schießen sehr hässliche neubauten aus dem boden. ein konzept zum erhalt des stadtbildes kann ich nicht erkennen. es scheint nur darum zu gehen, wohnraum zu schaffen. schnell und günstig oder auf eine westliche art modern, was bedeutet: hoch, gläsern, glatt, wie eine hotelanlage. spring sagt: naja, vielleicht, weil man auch ständig damit rechnen muss, dass alles in zwei jahren wieder kaputt ist. vielleicht ist das so... obwohl es hier nicht wirklich gefährlich scheint, die straßen sind belebt, die menschen freundlich, lustig, ziemlich offen.

in berlin sieht man mehr menschen mit kopftuch als in den teilen der stadt, die wir bisher erlaufen haben.

 

ich glaube, ich zitiere mich jetzt selber, aber dieser satz drängt sich mir einfach auf: ohne sprache bist du ein idiot. das denke ich schon den ganzen tag. gestern nacht im taxi vielleicht am bisher heftigsten: wie ich an fuhstis lippen hänge als er sich schwerfällig mit dem fahrer unterhält. wie ich mich über seine wenigen und wenig elegant wirkenden brocken arabisch freue und ihm vor stolz und freude auf den kopf klopfe. wie ich mich freue, dass wir über ihn wie durch eine viel zu kleine tür in diese trotz aller starbucks, mcdonalds und prada-läden doch sehr fremde welt finden. oder wenigstens einen kurzen blick hinein werfen können.

es macht mich so klein und hilflos, dass ich mich nicht erklären kann, dass ich zu keinem witz fähig bin, zu keinem noch so kleinen gespräch, dass ich nicht fragen kann, wo diese oder jene straße ist, dass ich nicht einfach, selbstverständlich und souverän ein pfund trauben kaufen kann. ich komme mir vor wie in einer kleinen blase. ich bin ich mit meiner ganzen sozialisation, meiner eigenen kleinen welt und es gibt kaum austausch, solange ich hier bin, wenig kommt von außen in mich und so gut wie gar nichts von mir nach außen. die leute gucken mich an, manche lachen, manche gucken nur komisch, vielleicht, weil ich lange haare habe und ein band darin oder weil ich weißer bin als sie oder weil ich eine kurze hose trage.

 

ich hatte mir vorgenommen, nicht zu arbeiten, nicht zu schreiben. aber ist schreiben arbeit? heute nachmittag irgendwann kam das gefühl, das unfassbar eindeutige gefühl, dass ich mich heute hinsetzen muss und schreiben, ordnen, sortieren. so in der fremde laufe ich durch die gegend und kann nur eindrücke einsammeln, mir fallen hier und da kleinigkeiten auf und ich weiß gar nicht, wie ich das alles finde. ich muss es später vor mir ausbreiten und es noch einmal betrachten und sehen, was ich wirklich gesehen habe, wie ich das nun eigentlich finde.

 

heute morgen haben wir das hostel gewechselt. das neue hostel ist noch improvisierter, aber netter gelegen, etwas günstiger. der alte mann, der uns empfängt, sagt wenig, während er seine sachen aus unserem raum räumt. er hat es offenbar als seinen privatraum benutzt, er hängt wäsche ab, legt sie ruhig zusammen. das einzige was er ca. zwanzig mal zu uns sagt ist: "problem, problem", er meint: "no problem, no problem" - prima abkürzung, darüber freue ich mich! spring findet mit scheinbar untrüglichem instinkt in unserem schrank schnell eine halbe flasche johnny walker und zwei bananen. wir machen uns auf den weg. tänzeln für stunden über die schmalen bordsteine, kaufen irgendwann eine dose cola und hier gibt es tatsächlich noch diese komischen öffnungen, die ich nur noch aus kindheitserinnerungen kenne, laschen, die man aus der dose zupft. es sind solche kleinigkeiten, mit denen ich ein notizbuch füllen könnte...

 

und zwei dinge werden mir klar: ich brauche das schreiben, um mich selbst zu sortieren, um mich festzuhalten, um die tage, alles fremde für mich greifbar und erfassbar zu machen.

und: ich selbst wäre hier einfach nur allein und fremd. mit meinen zwei freunden allerdings, fühlt sich alles ganz und gar anders an. als wir am sonntag in der nacht vom flughafen in die stadt fahren, denke ich noch: wo sind wir jetzt, was wird das hier. aber spätestens als gestern nachmittag die tür aufgeht und fuhsti lachend in der tür steht, bin ich zwei drittel entspannter, lockerer. ich frag mich nicht mehr, was ich  hier eigentlich will, warum ich hier bin, was das soll. ich bin jetzt einfach hier. mit meinen freunden. und wir könnten fast überall sein. wie hat conny das im gästebuch geschrieben? "heimat ist da, wo wir sind - egal, wo meine füße gerade stehen" oder so... ja! ich merke ja doch so deutlich, wie fremd ich hier bin. aber ich merke auch, wie viel heimat ich in mir habe und sie wird sofort möglich und fühlbar und sichtbar und auch entfaltbar, wenn meine menschen mit mir sind, wenigstens zwei. und ich glaube, dass wir zu dritt dann auch in der lage sind, diese blase, die wir um uns tragen, etwas durchlässiger werden zu lassen. wir dringen mehr nach außen. das außen dringt mehr zu uns durch. das hat wohl viel mit sicherheit zu tun. ich weiß: ich kapsele mich ab und ziehe mich zurück, wenn ich unsicher bin. mit dem gelassenen fuhsti und diesem spring, der immer vorläuft und jede situation annimmt, an meiner seite, kann ich mich ganz anders fühlen.

 

 

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Kommentare: 3
  • #1

    Julia (Mittwoch, 08 Oktober 2008 19:45)

    das erinnert mich wieder an räuberhände

  • #2

    Sophie (Donnerstag, 09 Oktober 2008 10:00)

    Mich auch... es macht einfach so viel Spaß deine Texte zu lesen!

  • #3

    Lea (Sonntag, 14 August 2011 19:59)

    Auf jeden Fall sehr interessant geschrieben ;-) da schaut man gerne wieder vorbei.