johannes

 

ich war mit einem tonaufnahmegerät in der nacht unterwegs und habe nach klängen gesucht. gefunden habe ich: johannes. der stand auf dem marktplatz und machte musik. mit einer gitarre und freunden. ich stolperte so rum und setzte mich dann unter eine laterne, die in der nähe stand, nahm das 'konzert' auf tonband und die wunderbare stimmung in mich auf.

es kamen jugendliche vorbei, die sich zu den musikern stellten und 'heil hitler' riefen und auf der anderen straßenseite gab es eine schlägerei. ich saß zwischen allem und war wie benommen. als die musik verstummte, bin ich aufgestanden und habe mich vorgestellt. dann bin ich mit johannes ins gespräch gekommen. über gott.

johannes kann griechisch, latein, hebräisch, ist 27 jahre alt und studiert theologie.

 

 

 

 

 

GOTT IST EIN GENTLEMAN

 

 

 

In meinem eigenen Leben gibt's ja auch manchmal genug Chaos, aber da, wo ich Gott Raum biete, da kann er auch wirken. Gott ist eigentlich ein Gentleman - wenn er nicht eingeladen wird, dann drängt er sich auch nicht auf. Deshalb muss man oft still werden und Gott suchen, aber wer ihn einlädt, zu dem kommt er auch.
Das ist ein bisschen wie in einer Liebesbeziehung, da kann man es auch nicht erzwingen, das geht auch nur, wenn der eine den anderen in Freiheit erwählt.

 

Gott lenkt. Gott will lenken. So, dass alle glücklich sein können. Aber nichts ist ihm wichtiger als unsere absolute Freiheit. Davor hat er größte Achtung - im Gegensatz übrigens zu manchen Kirchenleuten. Gott würde nie etwas tun, das gegen die Freiheit des Menschen geht. Und wir entscheiden uns in unserer Freiheit eben oft gegen Gott, gegen das Gute, warum auch immer. Ich meine: wenn Gott alles lenken würde, dann wären wir ja nur Marionetten. Gott hat nun mal das radikale Wagnis unternommen und Menschen geschaffen, die frei sind - mit dem Risiko, dass der Mensch die Freiheit nutzt, sich ganz gegen Gott zu entscheiden.

 

Als ich Gott das erste Mal wirklich gespürt habe, dieses Gefühl in mir, das begleitet mich bis heute. Und ich habe eine Sehnsucht, diese Nähe immer wieder zu erleben.
Dieses Gefühl, dass der, der meinem Leben Sinn gibt, auf den meine ganze Sehnsucht zielt - dass der da ist, das hat so eine Freude ausgelöst! Und das ist ja nichts, was ich mache, das kommt einfach so. Ungefähr so, wie wenn man anderen Menschen ganz tief begegnet. Da ist man dann ja auch überwältigt von der Geborgenheit, die man erfährt.
Und wie einen besonderen Menschen will ich diesen Gott eben auch näher kennen lernen und erfahren, dass dieser Gott ein Interesse an mir hat. Dass der nicht nur so eine kosmische Macht ist, sowas Unpersönliches, sondern dass er ein Du ist, das ich ansprechen kann.

 

Ich erfahre Gott wirklich als jemanden, der heilt, der die Sehnsüchte und Wünsche und Verletzungen und den Mangel, den ja jeder mal irgendwo erlebt hat, ausgleichen kann. Also: niemand kann uns eigentlich so lieben, wie wir es brauchen. Und ich spüre, dass Gott diesen Mangel ausfüllen kann. Er kann mir diese Liebe geben, die ich so tief ersehne. Und nicht erst im ewigen Leben, sondern schon hier und heute. Das macht mich einfach froh.

 

In anderen Zeiten wars sicher einfacher zu glauben. Wir haben heute einfach einen Grundskeptizismus, eine Art Vertrauensmangel - wir sind auch alle schon enttäuscht worden, an vielen Stellen des Lebens. Und Glaube lässt sich auch übersetzen mit „Vertrauen". Das merke ich auch bei mir: mein christlicher Weg ist ein Wachsen ins Vertrauen hinein. Ich traue Gott ja auch nicht alles zu, denk oft: na, hier, da kann doch Gott jetzt auch nichts machen. Und dann merke ich: Mann! Wie groß ist dein Unglaube, dein Misstrauen! Und ich glaube, Gott versucht, mich Schritt für Schritt aus diesem Misstrauen herauszuführen.

 

Ich erlebe das oft unter Christen: dass sie Gott nichts zutrauen. Dass sie sagen: na gut, es gibt ihn, aber ich erwarte nichts von ihm. Und ich glaube - obwohl diese Leute dann auch regelmäßig in den Gottesdienst gehen und beten - da passiert dann auch nicht so viel bei denen.
Ich finde, man kann ruhig erwarten, man soll sogar erwarten. Also natürlich: manchmal sind die Erwartungen dann zu eng, dann begreift man vielleicht gar nicht, was man eigentlich gerade empfängt. Aber ich finde es wichtig, die Erwartungen immer weiter zu steigern. Mehr von Gott zu erwarten!
Die Gefahr als Christ ist doch auch, dass man sich auf so ein fertiges Bild von Gott einlässt: so ist Gott, das kann er, das macht er. Aber da ist immer noch viel mehr möglich! Gott kann einen noch viel mehr ergreifen, noch viel froher machen. Also, die Freude, die ich jetzt so lebe, die ist schon wunderbar, aber ich glaube, Gott kann mich noch viel froher machen. Und dieses Mehr von Gott, das ist das, was mich im Moment so sehr beschäftigt und wo ich spüre, dass es wichtig ist, diese Sehnsucht offen zu halten und diese Erwartung auch zu haben. An Gott und an das Leben. Und nicht zu sagen: das Leben ist halt nur mittelmäßig. Nein! Man muss das Große ersehnen! Da ist noch so viel mehr drin!

 

 

Kommentar schreiben

Kommentare: 2
  • #1

    sonja (Samstag, 20 September 2008 07:51)

    johannes spricht mir aus der seele...sein reden über gott ist sehr schön. meine familie war nicht immer so, wie sie heute ist...und immer, wenn es "rund" ging bei uns...habe ich gebetet: lieber gott, bitte mach, dass ich unsichtbar bin und sie mich nicht erwischen! und siehe da, es hat geklappt...bis auf ein mal, da hab ich vor schreck das beten vergessen und sie hat die schönsten regenbogenfarben auf meinen körper gemalt...danach war ich so sauer auf gott, weil er mich nicht beschützt hatte, dass ich gesagt hab, leck mich doch, du bist schuld, dass es mir scheiße geht! es hat über dreißig jahre gedauert, bis ich sah, dass ich ihn vergessen hatte "einzuladen", so wie es oben johannes sagte. ich fing wieder an zu beten und siehe da, es hat funktioniert! ich hab viel gebetet und gewünscht aber irgendwie fehlte immer was, wenn sich die wünsche erfüllten...bis ich die schnauze voll hatte...ich sah, ich konnte mich nie so perfekt ausdrücken, dass alles passte. heute bete ich einfach: lieber gott, bitte hilf! und er hilft immer, wenn auch nicht so nach meinem "geschmack", doch dann ist es eine aufgabe, die es zu erfüllen gibt und ich geb mir mühe...mit achtsamkeit und liebe, dass klappt! ich hab mal irgendwo gelesen: sei vorsichtig mit dem was du dir wünscht, es könnte in erfüllung gehen...und ich denke, ja, und dann stehst du da und weißt nichts damit anzufangen...wär doch schade :-)

  • #2

    Sara (Freitag, 24 Oktober 2008 23:28)

    Ich finde Johannes Einstellung zwar gut, aber ich finde auch, dass Gott usw. ein schwieriges Thema sind.
    Weil eben nicht alle so sind wie Johannes. Weil "im Namen Gottes" auch soviel schlechtes getan wird. Und weil ich finde, dass Religionen Menschen viel zu oft zu Gegnern machen.
    Ich habe nichts gegen Glauben. Jeder glaubt an irgendwas. Aber ich finde es immer schrecklich wenn wir nicht in unserem eigenen Namen handeln, sondern Gott als "Auftraggeber" für unsere Taten nennen.
    Und das passiert einfach überall und ständig.