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mein freund bret ist seit märz 08 in ecuador. ich habe ihn gebeten, mir mal eine kleine szene aus seinem alltag zu schildern, die ihn zum nachdenken über heimat gebracht hat...

 

hier der schöne text:

 

"Ein Erdrutsch hat die Straße blockiert, weshalb unser Reisebus zum stehen kommt und das Licht im Innenraum angeschaltet wird. Draußen ist es dunkel und drinnen haben bereits einige trotz laufendem Spielfilm geschlafen. Es ist schließlich schon nach Mitternacht. Nach einer Weile die ersten Diskussionen. Wir stehen und es geht nicht weiter. Der Motor läuft, weil er in diesem Land immer läuft, auch wenn das Fahrzeug sich nicht bewegen soll. Würde man ihn abschalten, könnte man draußen den Dschungel hören. Das Motorgeräusch bleibt allerdings und wird nur von sich streitenden Leuten übertönt, von denen ich einige Gesprächshappen aufschnappen kann. "Peligroso" heißt gefährlich und darum geht es. An uns ziehen andere Fahrzeuge vorbei, die sich am Erdrutsch vorbeizwängen. Nur wir bleiben stehen. Warum? "Weil kein Gegenverkehr kommt", sagt der Busfahrer. Es ist zu gefährlich weiter zu fahren! "Wir drehen um", sagt er.
Vor zwei Stunden sind wir aus Nueva Loja abgefahren und Quito - unser Ziel - wäre bei freier Straße 6 Stunden entfernt. Warum also nicht einfach stehen bleiben und später weiterfahren? Zu gefährlich!
Wir versuchen den riesigen Bus auf der kleinen Straße zu wenden und es klappt überhaupt nicht. Die Diskussionen gehen weiter und werden immer lauter. Die einen sagen: "weiterfahren", die anderen "zu gefährlich", dann wieder andere "hier bleiben ist gefährlich" und umdrehen ist nicht möglich. Der Motor geht aus. Ein Zeichen dafür, dass wir nun wirklich die nächsten Stunden stehen bleiben werden. Ich gehe raus, um einen Strahl in die Ecke zu setzen und sehe, dass wir abgesehen von einem Krankenwagen die einzigen sind, die sich zum bleiben entschieden haben. Ich geh wieder rein und leg mich schlafen, so wie es der Busfahrer tut. Der Bus ist ziemlich leer, so dass man sich auf zwei Sitzen breit machen kann und schlafen sogar möglich wäre.
Doch alle paar Minuten wird man von Leuten geweckt, die weiter wollen, die sagen, dass die anderen doch auch weitergefahren sind. "Erst wenn Gegenverkehr kommt", sagt der Fahrer genervt und nach ein paar Stunden geht es dann wirklich weiter. Aber was war nun so gefährlich?
Wir sind nicht weit von der kolumbianischen Grenze, genauer vom Dschungel in dem sich u.a. die FARC aufhält. Auf dieser Strecke kommt es zu Entführungen und Raubüberfällen und deshalb der ganze Stress. Nicht, dass ich davon noch nie etwas gehört hätte, allerdings konnte ich die Panik nicht begreifen, weil ich die Gefahr ja nicht wirklich einschätzen konnte. Vorher haben wir schließlich einen Militärposten passiert, der einem ein sicheres Gefühl geben könnte. Aber Guerilla, Paramilitärs und Räuberbanden kommen eben nicht mit Reisepass auf dem vorgesehenen Weg ins Land, sondern sickern durch den dichten Wald, der unseren Bus zu beiden Seiten hin flankiert hat.
Ich wohne nun schon 8 Monate in Ecuador. Freiwilligendienst in einem kleinen Dorf im Nebelwald, wo es im Sommer viele Touristen und eigentlich keine große Gefahren gibt. Doch sobald ich mich auf Reisen begebe, sieht es ganz anders aus. Das Problem ist nicht die wirkliche Gefahr, sondern dass ich nie genau weiß, wann und wo ich mich in Acht nehmen sollte. Besonders bei Nacht bin ich in fremden Orten deshalb immer ein wenig angespannter, weil extrem wachsam, um nicht in blöde Situationen zu geraten. Eine Hand bewacht die Hosentasche und die andere will nicht wissen, wofür sie gut sein könnte.
Ist der besoffene Typ, der mich gerade angestoßen hat (in Quito passsiert) und Geld von mir will einfach nur voll und will mir Angst machen oder sollte ich mich wirklich bedroht fühlen, weil drei seiner Freunde neben ihm stehen und mir den Weg abschneiden? Kurzer Schock, den Typen weggestoßen und durchgeschlüpft - nichts passiert. Glück oder wie soll ich das jetzt bewerten?
Von anderen Freiwilligen oder Touristen kenne ich schließlich einige Geschichten, darunter auch die von Raubüberfällen. Im Fernsehen sieht man täglich Bilder von Situationen, die man nicht selbst erleben will und das in Orten in denen man schon gewesen ist. Ich glaube ich werde dieses blöde Gefühl in den mir noch bleibenden 4 Monaten nicht loswerden und deshalb ist es schwierig sich hier wirklich heimisch zu fühlen, wenn man nicht lernen kann die tatsächliche Situation in der man sich gerade befindet, richtig einzuschätzen. Ich fühle mich hier wirklich wohl, aber mit Heimat verbinde ich ein Gefühl der Vertrautheit, wo ich mich souverän bewegen kann, was hier nicht immer der Fall ist.
Vielleicht bräuchte ich einfach mehr Zeit oder ich müßte so locker werden, wie ich es normalerweise bin, wenn ich mich nicht mit 6 Augen umgucken muss, um durch eine Traube von Menschen zu spazieren. Schließlich kann immer etwas passieren, egal wo man ist. Es gibt noch tausend andere Gründe, abgesehen von Sicherheit, die es mir schwer machen hier wirklich anzukommen, aber mit dieser kleinen Geschichte will ich es mal belassen."

 

mehr zu bret, zu seinem projekt, fotos, tagebuch und so weiter:

hier

 

 

den folgenden text hat laura mir gerade geschickt. er behandelt - wenigstens am rande - einen aspekt, der hier noch gar nicht so sehr zur sprache gekommen ist: familie als heimat. und was, wenn diese sich verändert, entzweit, verliert?

danke laura!

 

 

Heimat... Je länger ich darüber nachdenke, was dieser Begriff eigentlich für mich bedeutet, desto absurder werden meine Gedanken - desto schwieriger fällt es mir, sie in Worte zu fassen. Das Wort Heimat wird plötzlich immer ungreifbarer. Liegt das vielleicht daran, dass ich auf der Suche nach meiner Heimat plötzlich feststelle, dass ich gar keine richtige Heimat habe? Oder fehlt mir einfach nur die richtige Definition dieses Begriffes?

 

Wikipedia meint:

Heimat bezeichnet keinen konkreten Ort, sondern Identifikation. Es ist die Gesamtheit der Lebensumstände, in denen ein Mensch aufwächst. Auf sie wird seine Psyche geprägt, ihnen "ist er gewachsen".

 

Also doch! Dann hat zum Glück jeder Mensch eine Heimat, auch wenn er wie ein Nomade lebt. Meine gesamte Kindheit hindurch hatte ich zwei Heimaten. Klingt irgendwie seltsam - gibt es dieses Wort überhaupt in der Mehrzahl? Kann ein Mensch mehr als eine Heimat haben? Nach der frühen Scheidung meiner Eltern zog ich jede Woche um. Von Mama zu Papa - von Papa zu Mama. Ein Kind zweier alleinerziehender Elternteile. Jeden Sonntag hieß es also packen - dabei genau überlegen, was man die kommenden sieben Tage nicht vermissen möchte. Was wohl nötig sein wird, um kein Heimweh zu bekommen. Eine aufreibende aber auch durchaus aufregende Kindheit. Mit meiner Heimatstadt, dem Boden unter meinen Füßen, hat mich dieses unstete Leben jedoch nicht allzu sehr verwurzelt. Umso wichtiger für meinen Seelenfrieden waren meine Eltern, meine Geschwister, meine Haustiere, meine Kuscheltiere und die Natur. Denn all dies hatte ich immer um mich, egal wie sehr ich umher zog. Also habe ich damals doch nicht zwei Heimaten gehabt, sondern nur eine. Eben eine, die aus Personen, Gefühlen, Gedanken und Dingen bestand, die ich mitnehmen konnte. Meine eigene Heimat huckepack.

Neben meiner Familie sind Tiere und die Natur bis heute die wichtigsten Anker in meinem Leben. Als ich vom Land in die Stadt zog, fühlte ich mich lange Zeit unwohl. Das Leben in der Stadt ist so viel rauer, gruseliger und trauriger. Die Penner in den Ecken, drogenabhängige Jugendliche, gescheiterte Existenzen, das Elend der obdachlosen Menschen, der Schmutz, der Gestank und der Lärm - all das kenne ich in meiner Heimat nicht und deshalb verursacht es mir Angst. Wie soll ich mich dort jemals heimisch fühlen? Nun gewöhnt man sich natürlich nach einiger Zeit an ein Leben in der Stadt. Lernt vielleicht sogar die Vorteile ebendieses Lebens zu schätzen. Aber wirklich aufgehoben habe ich mich darin nie gefühlt. Immer bleibt mir die Flucht in meine eigene Rucksack-Heimat als Ausweg aus dem tristen grau. Heute lebe ich fern meiner Familie am Rande einer Großstadt und all das Heimatliche, was ich mir bewahren konnte, spielt eine große Rolle in meinem Leben: Mamas Stimme am Telefon, die Ratschläge meiner großen Schwester per Mail, lange Gespräche mit wirklich guten Freunden, eine ganze Menge Pflanzen in meiner Wohnung und auf meinem Balkon - aber am allerwichtigsten: meine wunderbare Hündin. Ohne sie fühle ich mich nicht vollständig, so lange begleitet sie mich schon auf meinen Wegen. Bin ich einmal einen Tag ohne sie, bekomme ich furchtbares Heimweh. Und so habe ich mir ein Refugium geschaffen, was meiner Seele Rückhalt bietet und mich in schwierigen Lebenssituationen auffängt. Darauf kann ich mich verlassen.

Bald werde ich umziehen - meine Heimat verliere ich jedoch nicht. Denn die habe ich immer bei mir.

Laura V.

 

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Kommentare: 3
  • #1

    malin (Mittwoch, 10 Februar 2010 14:23)

    Ich finde der Text behandelt das Thema wirklich in einer noch nicht beschriebenen Wahrnehmung. Dafür, dass der Begriff "Heimat" immer ungreifbarer wurde je mehr du über das Thema nachdachtest, ist der Text super schön geworden. Meine Bewunderung hast Du - du zeigst mir einen neuen/wenig beachteten Blickwinkel in Bezug auf Heimat auf! Mir gefällt was Du geschrieben hast.

  • #2

    sharon (Samstag, 04 April 2015 06:00)

    Mein Name ist Sharon, Am Von United Kingdom. Ich möchte meine Zeugnisse mit der Öffentlichkeit über das, was dieser Mann namens DR muchacha gerade für mich getan zu teilen, dieser Mann wieder mein Ex Mann verloren, mich mit seinen großen Zauber gebracht hat, war ich mit diesem Mann namens Matthäus wir zusammen waren verheiratet für eine lange Zeit und wir liebten, aber unser Selbst, wenn ich nicht in der Lage, ihm ein Kind von 4 Jahren zu geben war er mich verlassen, und sagte mir, er kann nicht mehr weiter dann wurde ich nun auf der Suche nach Möglichkeiten, um ihn bis zu einem Freund von mir zurück erzählte mir von diesem Mann und gab seine Kontaktdaten per E-Mail, dann werden Sie es nicht glauben, wenn ich kontaktiert diesen Mann auf meiner Probleme, die er diesen Zauberspruch vorbereitet und bringen meine verlorene Mann zurück und nach einem Monat Ich vermisse meine Monat und gehen für ein Test und das Ergebnis fest Uhr schwanger bin glücklich, heute bin eine Mutter eines Jungen, ich danke Ihnen noch einmal die große DR muchacha für das, was Sie für mich getan haben, wenn Sie draußen sind, die durch jede dieser unten aufgeführten Probleme:
    (1) H.I.V
    (2) Eheprobleme
    (3) Wenn Sie Ihre Ex zurück wollen.
    (4) Wenn Sie immer schlechte Träume.
    (5) Sie wollen in Ihrem Büro gefördert werden.
    (6) Streifigkeit
    (7) RICHES / Reichtum e.t.c
    Sie können ihn auf seiner E-Mail-Adresse kontaktieren (queenmuchachaspiritual@hotmail.com) oder Sie auf diese anrufen können (2348104785358)

  • #3

    dr Ogala (Donnerstag, 26 Oktober 2017)


    Ich bin heute sehr glücklich mit meiner Familie. Mein Name ist Rebecca Thomas, der in USA lebt. Mein Mann hat mich jetzt seit gut 3 Jahren verlassen, und ich liebe ihn so sehr, ich habe seitdem nach einem Weg gesucht, ihn zurückzubekommen. Ich habe viele Möglichkeiten ausprobiert, aber er kam nicht zurück, bis ich einen Freund traf, der mich zu Dr. Ogala, einem Zauberwirker, brachte, der mir half, meinen Mann nach zwei Wochen zurückzubringen. Ich und mein Mann leben glücklich heute zusammen, Dieser Mann ist großartig, Sie können ihn per E-Mail kontaktieren ogalaspelltemple@gmail.com ... Jetzt werde ich ernsthafte Personen, die sich in dieser Art von Problem befanden, um ihn jetzt eine schnelle Lösung ohne zu kontaktieren Zahlung .. Er immer hallo, jetzt nenne ich ihn mein Vater

 

 

jonathan hat mir sein lied

"reisende enthusiasten"

zugeschickt und mir erlaubt, es upzuloaden.


reinhören:

 

 

03 - Reisende Enthusiasten.mp3
MP3 Audio Datei 3.7 MB

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Kommentare: 1
  • #1

    scott anderson (Donnerstag, 26 Oktober 2017 17:04)

    Hallo, ich bin Kirstin Strand mit Namen und ich lebe in New York City USA bitte ich werde gerne über die Güte Gottes in meinem Leben nach so vielen Monaten zu versuchen versuchen, ein Darlehen im Internet zu bekommen und ich wurde mit der scammed Summe von 6.900 $ Ich wurde so verzweifelt in ein Darlehen von einem legit Kreditgeber online dann sagte mir ein Freund, dass es eine legit Kredit-Unternehmen gibt, wo er schnell und einfach sein Darlehen ohne Stress bekam, so stellte er mich zu einem Mann namens Mr. Scott Anderson Wer ist der CEO MR Scott ANDERSON Darlehen FIRM, Also ich bewarb mich für ein Darlehen Summe ($ 100.000,00) mit niedrigen Zinssatz, so dass der Kredit genehmigt und in mein Bankkonto, das war, wie ich in der Lage war, mein Darlehen zu bekommen, so war ich in der Lage, meine Rechnungen zu bezahlen. ich rufe jedem, der interessiert ist, einen Kredit schnell und leicht zu erhalten, freundlich sie per E-Mail zu kontaktieren: scottanderson1970s@gmail.com außerdem, So dankt, wie Sie das größte Zeugnis meiner Lebensgeschichte lesen und Dank ist GOTT allmächtig für sein Güte auf mein Leben. Ich bin Kirstin Strand mit Namen.

 

 

 

 

julia, die schon im gästebuch angedeutet hat, dass sie ne menge zu berichten hat, hat einen wundervollen text über einen besuch in ihrer alten heimat (kasachstan) verfasst, dazu ein paar schöne fotos mitgeschickt.

vielen dank, julia, eine echte perle!

 

 

 

 

 

Neulich hat meine Mutter einen Haufen alter Fotos rausgekramt. Lauter schwarz-weiß Bilder, hat sie auf dem ganzen Fußboden verteilt. Ich, mit gigantischen Schleifen auf dem Kopf, auf Püppchen getrimmt. Auf dem Bild kauft mir keiner das brave Mädchen ab. Ich kenne dieses Bild, aber ich erinnere mich nicht mehr, wie es entstanden ist. Ich muss jedes mal lachen, wenn ich mir diese Bilder ansehe. Aber das war damals schick in Kasachstan. Heute, mit 24, erinnere ich mich nicht mehr, wie das Foto entstanden ist. Darum muss ich wieder dahin. Wieder an den Ort wo diese Bilder entstanden sind und an Orte, von denen ich keine Bilder habe, die aber noch bildlich in meinem Kopf schwirren. Diese Bilder will ich selber machen. Ganz in Farbe, so wie meine Welt hier in Deutschland. Hier ist seit 16 Jahren mein Zuhause.
Nach sieben Jahren saß ich im Juni wieder im Flieger. Paps kommt mit, das geht klar. Sechs Tausend Kilometer von hier. Heiße, stickige Luft, karge Landschaft, das ist meine Heimat. Das Flugzeug landet am frühen Morgen. Freunde holen uns vom Flughafen Karaganda ab.
Wir können nicht weiterfahren, Kühe und Schafe blockieren die Straße.
Endlich da. In einem alten Haus gibt es zwei Menschen für die es sich lohnt, so weit und noch weiter zu fahren. Meine Großeltern. Oma weint, Opa auch. Ich hätte mich kaum verändert, meinen sie. Sie leben noch genauso wie damals vor 16 Jahren. In der schwarz-weißen Welt, nur steht im Garten eine überdimensionale Satellitenschüssel die für ein Farbbild im Fernseher sorgt. Vor Omas und Opas Haustür hat sich das Umfeld scheinbar nicht verändert, aber nur auf den ersten Blick. Ich mach nen Spaziergang. Auch hier laufen die Kids mit MP3-Handys rum, lungern abends genauso an der Bushaltestelle wie die Jugendlichen in Deutschland. Eigentlich sind sie doch gar nicht so verschieden, meine Heimat und mein Zuhause.
Im Laden kennense mich, besser gesagt: sie kennen meine Eltern. Die haben hier gelebt, ich auch, aber eben nicht so lange. Ich kaufe Eis. Dieses Eis gibt's nur hier, denk ich mir. Den Geschmack kenn ich aus meiner Kindheit. Eines ist neu, das Eis gibt's jetzt mit Geschmackssorten- Ich traue dem Braten nicht und nehm das ohne Geschmacksverfälscher. Geh weiter, hier sind meine Wurzeln. Ich sehe sie, wenn ich durch die Straßen laufe. Laufe meinen Schulweg entlang. Meine Flip-Flops sind schon nach den ersten paar Tagen schwarz geworden. In meiner Heimat müssen sich die Menschen ständig die Füße waschen, die Straßen sind nicht geteert und jedes vorbeifahrende Auto wirbelt Staub und Asche auf. Die Leute husten, ärgern sich.
Ich huste auch und freue mich über meine dreckigen Füße wie ein kleines Kind. Das gibt's nur hier denke ich, so dreckige Füße. Über solche Dinge kann man sich, glaub ich, nur freuen, wenn es die eigene Heimat ist. Ich geh weiter. Straßenschilder gibt's hier nicht. Egal, ich weiß eh wo es langgeht. Unser altes Haus steht noch, andere Menschen wohnen da, die Tür sieht noch genauso aus. Ich traue mich nicht anzuklopfen. Im Hausflur des Mehrfamilienhauses ist wie immer kein Licht, immer klaut einer die Glühbirnen. Einiges ändert sich halt nie. Mir scheint es, dass noch die gleichen Omas auf den Bänken vor den Häusern sitzen wie vor etlichen Jahren und Sonnenblumenkerne kauen, sie grüßen. Merken die, dass ich nicht von hier bin? Ich muss fast lachen, wer sonst fotografiert denn schon einen alten Sandkasten oder die hässliche Hausfassade. Ich stelle mir vor, wie es wäre, wenn ich hier geblieben wäre. Würde ich mich auch über die dreckigen Füße ärgern? Meinen alten Sandkasten super aufregend finden und in alberne Nostalgie verfallen, wenn ich meinen Sandkasten sehe. Wohl nicht.
Ich frage Leute in meinem Alter. „Ich will hier weg", sagt ein Freund. Geld sparen und weg hier. Hier gibt's doch nix. „Und was ist mit den Wurzeln? Wiederkommen würde er, das schon. Eltern besuchen und so. Er will wissen wie es in Deutschland ist. Ich muss überlegen. Ja, wie ist es denn in Deutschland?! „Verdammt. es ist genauso wie hier!" Das ist nicht gelogen. Genauso wie dieser langweilige Ort hier für dich ist, genauso öde ist mein Dorf in Deutschland, aus dem man als Jugendlicher einfach nur schreiend weg wollte. Nur, dass dieses langweilige Dorf in Kasachstan der Inbegriff von Heimat für mich ist. Ich frage mich ob jemand, der seine Heimat nie für eine längere Zeit verlassen hat, sich bewusst ist, was Wurzeln bedeuten. Ich glaub, er kaufts mir nicht ab. Ich denk zurück an die Zeit, als Deutschland für mich etwas war, was ich nicht verstehen konnte.
Ich erinnere mich an die Pakete zu Weihnachten von meinem Onkel aus Deutschland. Das war einfach der blanke Wahnsinn für meinen kleinen Bruder und mich. Voll mit Bonbons, Kaugummis und Schokoweihnachtsmännern. Das Papier wurde noch monatelang aufgehoben und auf dem Schulhof, an dem ich vorhin erst vorbeigegangen bin, getauscht. Für deutsches Wickelpapier gabs immer zwei russische und wenn das Hubba Bubba Papier noch gerochen hat, dann konnte man durchaus auch drei verlangen. Das war wie Sticker tauschen. Deutschland habe ich mir immer wie ein Schlaraffenland vorgestellt. Alles aus Schokolade und Süßigkeiten. Keine Frage, da wollt ich hin. In nem Schokohaus leben, wie bei Hänsel und Gretel, nur ohne Hexe. Das war meine kindliche Vorstellung. Vielleicht ist Deutschland für ihn mein Schlaraffenland von damals, 1992. Ich hätte ihm erzählen sollen, wie das war, als wir im Dezember 1992 in Deutschland angekommen sind. Nix war aus Schokolade, nichteinmal Schnee lag draußen. Das war für mich unfassbar. Wie kann es im Winter keinen Schnee geben? Ich war 30 Grad Minus und mehr gewohnt.
Wir landeten in einem dieser Auffanglager für Aussiedler in Friedland. Jugendherbergsatmosphäre. Mehrere Familien lebten in einem Zimmer und schliefen auf Hochbetten. Das war vorübergehend. Zu Weihnachten gab es eine Art Weihnachtsmarkt im Lager. Ich bin den ganzen Abend Karussell gefahren und habe Zuckerwatte gegessen und mir wurde nicht schlecht. Ich dachte ich muss viel davon essen, vielleicht ist sie bald zu Ende. Wer weiß? Die Zeit im Lager endete. Mein Onkel fand für uns eine Wohnung. Dort lebten wir zu sechst in einem Zimmer. Eltern, Bruder, Oma und Opa. Bald kam mein erster Schultag. Der blanke Horror. Ich verstand kein Wort. Nichts. Bis auf Mathe. In meiner Heimat war ich am Ende des zweiten Schuljahrs. Da stand schon das kleine Einmaleins auf dem Programm, hier musste ich wieder lernen, wie viel drei Äpfel plus zwei Äpfel sind. Es war zum Mäusemelken. Auch wenn ich mich in meinem neuen Zuhause noch nicht wohl fühlte, kann ich mich nicht erinnern, dass ich damals ein starkes Heimatgefühl oder Heimweh hatte. Wir sind ausgewandert und das war dann halt so. Es hat kein Jahr gedauert, bis ich perfekt deutsch konnte. Ich kann nichteinmal den Zeitraum nennen. Als ich die erste Schlümpfe-Folge komplett versanden habe vielleicht? Ich weiß nur, dass ich es plötzlich konnte.
Bald sind wir umgezogen und dann nocheinmal und dann nochmal. Jedes mal das neue Kind in der Klasse sein, das war „voll ätzend". „Das ist Julia, sie ist neu bei uns sie kommt aus Kasachstan"- Ja danke auch, du blöde Kuh! Die Lehrerin hats mal wieder versaut. Warum kann ich nicht Müllermeierschmidt heißen? 21 Augenpaare glotzen mich an. Dank meines Nachnamens, der nicht gerade deutsch ist, musste ich gleichzeitig die Story bringen, wo ich herkomme. Das ist noch heute nach 16 Jahren so. Anders ist nur, wie ich heute darüber denke. All dieses neu sein, von vorn anfangen hat mich zu dem gemacht, was ich heute bin. Schon als Kind zu wissen, dass es noch irgendwo eine andere Welt gibt, in der es nicht endlos Zuckerwatte gibt. Dass das Wasser nicht aus der Leitung kommt und der Strom auch mal wochenlang ausfallen kann, weil die Nachbarn nicht bezahlt haben, all das, was für mich zu Hause einfach selbstverständlich ist, gibt's irgendwo auch ganz anders.
Der Trip in die Heimat hat mir vor allem gezeigt, dass es auch locker mit weniger Materialismus geht. Dass es andere Lebensbedingungen gibt, in denen die Menschen leben. Manchmal hab ich bis tief in die Nach mit Oma geredet. Über ihr Leben, ihre Heimat. Sie ist auch ausgewandert. Ich filme oft, während sie erzählt, so dass sie es nicht bemerkt. Ich erzähl nicht, dass sie und meine Heimat bald in meinem Rucksack, huckepack, in die andere Heimat mitkommen. An der Passkontrolle fragt mich der russische Zollbeamte nach meinem Namen. Ich muss buchstabieren. Ich grinse und kapiere. In Kasachstan heiße ich auch nicht gerade Müllermeierschmidt. Mein Name erinnert mich täglich an meinen Herkunft und meine Wurzeln, jedes mal, wenn ich ihn buchstabiere und sage, ohne „C".

 

 

 

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Kommentare: 6
  • #1

    Daniela (Montag, 06 Oktober 2008)

    Ohne worte!!!
    Super geschrieben ich konnte mir einiges fast bildlich vorstellen.
    Mach weiter so!!!
    LG

  • #2

    gesine (Dienstag, 07 Oktober 2008 15:33)

    ich stimm Daniela absolut zu- ein einfach schöner und toll geschriebener Text. Aber obwohl oder vielleicht genau gerade weil du so schreibst, dass man sich schöne Bilder im Kopf machen kann, würde ich wahnsinnig gerne noch mehr Fotos sehen!

  • #3

    Bettina (Montag, 03 November 2008 23:55)

    Wie sich, aus den Augen eines Kindes, doch der Traum vom Auswandern relativiert. Deine Geschichte hat mich berührt und ich hatte das Gefühl, dass bei deinen Großeltern immnoch dein wahres zu Hause geblieben ist, auch wenn du es einfach - huckepack - mitgenommen hast. Viel wichtiger ist für mich noch, dass du es in deinem Herzen stets in Erinnerung bewahrst, was unser wahres zu Hause ausmacht. Die Schlüsselszene sind doch deine Großeltern und die Liebe, die sie für dich empfinden und du für die. Mit diesem Gefühl im Herzen kann überall zu Hause sein.

    "Ich huste auch und freue mich über meine dreckigen Füße wie ein kleines Kind. Das gibt's nur hier denke ich, so dreckige Füße. Über solche Dinge kann man sich, glaub ich, nur freuen, wenn es die eigene Heimat ist."

    Der Satz hat mir wahnsinnig gut gefallen...

    LG, Bettina

  • #4

    Bettina (Dienstag, 04 November 2008 00:10)

    Ps
    Das wirklich Schöne an deiner Geschichte ist auch, dass du am Ende Deutschland ebenso als Heimat bezeichnest...und vielleicht ist irgendwann die ganze Welt deine Heimat...Ich glaube fest daran, dass wir uns überall zu Hause fühlen, wenn wir wirklich lieben...Das was wir lieben gibt uns das Gefühl zu Hause zu sein.
    God Nite Julia und danke für die schöne Gutenachtgeschichte! Sie hat mir sehr gefallen.

  • #5

    Женя (Sonntag, 30 November 2008 21:47)

    hm gar nicht mal so schlecht ,außer das du vergessen hast Omas PIRASCHKI zu erwähnen...

  • #6

    Ich bin hier (Donnerstag, 26 Oktober 2017 17:05)


    Ich bin hier, um Zeugnis davon zu geben, wie ich meinen Mann zurückbekommen habe, wir haben seit mehr als 12 Jahren geheiratet und zwei Kinder bekommen. Es ging gut mit uns und wir sind immer glücklich. Bis eines Tages mein Ehemann anfing, sich in einer Art und Weise zu benehmen, die ich nicht verstehen konnte, war ich sehr verwirrt über die Art und Weise, wie er mich und die Kinder behandelte. Später in diesem Monat kam er nicht mehr nach Hause und er rief mich an, dass er sich scheiden lassen wolle. Ich fragte ihn, was ich falsch gemacht habe, um das von ihm zu verdienen, alles was er sagte ist, dass er eine Scheidung will, dass er mich hasst und nicht will mich wieder in seinem leben sehen, ich war verrückt und auch frustriert weiß nicht was ich tun soll, ich war wegen der scheidung länger als 2 wochen krank. ich liebe ihn so sehr er war alles für mich ohne ihn ist mein Leben unvollständig. Ich erzählte es meiner Schwester und sie sagte mir, ich solle mich an einen Zauberwirker wenden, ich glaube nie an all diese Zauberformeln. Ich will nur versuchen, wenn etwas herauskommt. Ich kontaktierte Dr Ogala für die Rückkehr meines Mannes zu mir, sie erzählten mir, dass mein Mann von einer anderen Frau genommen worden ist, dass sie ihn verzaubert, deshalb hasse er mich und will auch, dass wir uns scheiden lassen. dann sagten sie mir, dass sie einen Zauber auf ihn werfen müssen, der ihn zu mir und den Kindern zurückkehren lässt, sie haben den Zauber gesprochen und nach 1 Woche hat mich mein Mann angerufen und er hat mir gesagt, dass ich ihm vergeben sollte, er begann sich zu entschuldigen am Telefon und sagte, dass er mich immer noch lebt, dass er nicht wusste, was mit ihm passiert, dass er mich verlassen hat. es war der Bann, den Dr. Ogala auf ihn warf, der ihn heute zu mir zurückkehren lässt, ich und meine Familie sind heute wieder glücklich. Danke, Dr. Ogala, für das, was Sie für mich getan haben, wäre ich heute nichts gewesen, wenn nicht für Ihren großen Zauber. Ich will dich meine Freunde, die durch all diese Art von Liebesproblem gehen, ihren Ehemann, Frau, oder Ex-Freund und Freundin zurück zu bekommen, um ogalaspelltemple@gmail.com zu kontaktieren, und Sie werden sehen, dass Ihr Problem ohne Verzögerung gelöst wird.

 

 

Diesen unfassbaren Monolog habe ich geschickt bekommen - und er hat mich umgehauen! Eine unfassbare Lebensgeschichte. Ein langer Text, den ich aber nicht auch nur um ein Wort kürzen wollte.

 

 



ICH HATTE KEIN SCHÖNES LEBEN...

 

 

Ich bin 1937 in Mannheim, einem Dorf bei Saratow im Wolga-Tal, geboren.
1941 ist meine Familie aus dem Wolga-Tal vertrieben worden.
Ich war 3-4 Jahre alt, meine älteste Schwester 8 Jahre, ein weiterer Bruder war 2 Jahre alt und der kleinste Bruder war gerade im August 1941 geboren.
Im Wolga-Tal hat meine Mutter auf einer Plantage gearbeitet, wo mein Vater gearbeitet hat, weiß ich nicht genau, wahrscheinlich bei den großen Pferden.
Nach der Vertreibung haben sie meinen Vater am 28. Dezember 1941 in die Trudarmee genommen und er ist schon im Februar 1942 gestorben. Seine beiden Brüder sind, solange der Krieg war, in der Trudarmee geblieben. Sie haben, so haben sie später erzählt, immer Bäume gefällt. Haben tagelang bis zum Bauch im Wasser gestanden und die Bäume abgesägt. Die Deutschen in der Trudarmee haben immer gesagt, "nehmt uns in den Krieg", denn die Soldaten haben Essen bekommen, die Männer in der Trudarmee haben nichts bekommen.


Mein Großvater (der Vater vom Vater) hat schon im Wolga-Tal bei den Russen gearbeitet, der konnte auch ganz schön russisch sprechen, meine Großmutter und meine Mutter, die konnten kein Wort russisch sprechen. Meine Großmutter hat nie russisch sprechen und schreiben gelernt, viel später, als ich schon 12 Jahre alt war, da mussten wir bei der Kommandantur ja schon immer unterschrieben. Auch dann konnte meine Großmutter das nicht, sie hat mit dem Daumen unterschrieben, den sie vorher in ein Tintenkissen gedrückt hat. Ob meine Mutter zur Schule gegangen ist, weiß ich nicht, wahrscheinlich ja, aber ihre Eltern sind schon früh gestorben und sie hat schon sehr früh im Wolga-Tal bei den reichen Leuten gearbeitet.

 

Wir sind alle zusammen ins Altai vertrieben worden, nach Willischanska. Meine Großeltern mussten nicht mehr in die Trudarmee und meine Mutter konnte ja nicht dorthin wegen der 4 kleinen Kinder.
Wir haben mit vier Familien gewohnt in einem kleinen Häuschen in einem Zimmer und das Land haben sie auch geteilt durch 4 Familien. Wir hatten nichts. Jeder hatte nur ein kleines Stückchen Land zum Stecken von Kartoffeln.


Wir hatten immer Hunger. Wir Kinder sind betteln gegangen, bei den Russen. In unserem Dorf haben sie uns nichts gegeben, dann sind wir in ein anderes Dorf gegangen, 3 Kilometer, 6 oder 7 Kilometer. Wir hatten nichts anzuziehen. Immer sind wir auf die Felder gegangen, wenn die Bauern gemäht hatten und dann haben wir die Felder abgesucht nach Ähren. Stück für Stück haben wir die Stoppeln abgebrannt und dann die Ähren einzeln gesucht. Die waren dann gebraten, gebratener Weizen. Die habe ich dann in einem Säckchen gesammelt. Na, und dann hatte ich mein Säckchen ein mal voll, hab gedacht, jetzt habe ich genug gesammelt, habe eine Ähre in meine Hand gelegt, den Weizen gerieben, bis die Schale ab war und gegessen. Da hat meine Schwester gesagt, nicht essen, jetzt ribbelst du alle Ähren so lange, bis nur noch das Weiße da ist und wenn Du das Säckchen voll hast, dann gehen wir nach Hause. Wir hatten beide unsere Säckchen voll und dann sind die Russen gekommen, haben Knüppel rausgeholt und uns ins Dorf getrieben in eine Scheune. Dann haben sie uns allen Weizen weggenommen und uns eingeschlossen, bis es schon dunkel war. Dann hat ein Mann aufgeschlossen und wir sind weinend nach Hause gegangen. Da habe ich mit meiner Schwester geschimpft, dass sie mich nicht hat essen lassen, nun hatten sie uns alles weggenommen und Hunger hatten wir auch noch. Zu Hause haben wir geweint, unsere Mutter hat geweint.
Jeden Tag sind wir losgezogen und haben Ähren gesammelt.


Die alten Leute, die ganz alten Russen, die haben uns manchmal an ihren Tisch gesetzt und haben uns Essen gegeben, sie haben gesagt: "Ihr seid noch kleine Kinder, Ihr seid nicht Schuld." Andere haben uns weggejagt, haben gesagt „Ihr seid die Fritzen, die Faschisten, die Hitler", haben uns weggejagt und geschlagen. Wenn wir nach Kartoffelschalen gefragt haben, haben sie nein gesagt, Euch geben wir es nicht, dann geben wir es uns lieber unserer Kuh. Wir waren doch noch klein, wir wussten nicht, wer den Krieg angefangen hat.


Meine Mutter hat gearbeitet, ist den ganzen Tag weg gewesen und hat für ein Jahr Arbeit nur einen Buht gekriegt. Ein Buht waren 16 Kilo Weizen- für ein Jahr!
Weil das nicht reichte, hat sie allen Stoff, den sie aus dem Wolga-Tal mitgenommen hat, „gehandelt". Ein bisschen Schmand für uns Kinder und dafür einen schönen Stoff weggegeben.
Eine Nacht kamen Russen zu uns und haben die Kiste mit dem Stoff durchsucht und alles weggenommen. Sie haben zu meiner Mutter gesagt, "wenn Du in 3 Tagen nichts zahlst, dann kriegst Du nichts wieder!" und sie hat gesagt, "wie soll ich zahlen, ich habe nichts als Kinder. 4 Kinder, soll ich die Kinder verkaufen?" und dann sind sie mit dem Stoff gegangen und haben es nie zurückgegeben.


Nach dem Winter haben wir auf den Feldern noch die kleinen Kartoffelchen gesucht, Löcher gegraben und uns gefreut, wenn wir ein Kartoffelchen gefunden hatten.
Wir hatten auch kein Holz für ein Feuer. Dann ist meine Mutter mit dem Schlitten gefahren, hat kleine Stücke Holz gebracht für etwas Feuer. Wenn Mutter zur Arbeit ging, sind wir zu den Russen gegangen, manchmal haben sie uns ein Stück Glut gegeben und dann haben wir ein Feuer gemacht. Manchmal haben uns die Russen auch vertrieben.


Im Sommer haben wir Gras gesammelt. Dann haben wir von dem Hafer, der gemahlen war, die Hachele (Schale) gesammelt. Meine Schwester hat dann das Gras gekocht in einem Loch im Boden, dann hat sie das Wasser weggeschüttet und wir haben die Hachelns darein gestampft. Das haben wir dann gegessen. Das hat gekratzt im Hals.
Wir hatten keine Stühle zum Sitzen, wir haben im Stehen gegessen, die Schüsselchen standen auf einem Holzklotz.


Meine Mutter hat uns auf Stroh gelegt und mit Stroh zugedeckt - anderes hatten wir nicht. Zuerst haben wir kein Haus gehabt, da haben wir in der Erde, in einem Loch gewohnt, da war es bitterkalt. Nur ein bisschen Holz darüber.

 

Wir waren bis 1958 im Altai. Meine Schwester ist noch 2 Jahre im Wolga-Tal zur Schule gegangen. Als wir dann im Altai waren, sollte sie dort in die Schule, aber in die 1. Klasse, in die russische Schule. Und wenn die Schule dann zu Ende war, haben sie meine Schwester mit Knüppeln geschlagen. Das hat meine Mutter unserem Vater geschrieben (in die Trudarmee), da hat er gesagt: „Nicht mehr in die Schule gehen!"
Als ich 9 Jahre alt war, da ist die Lehrerin gekommen, meine Mutter war zur Arbeit und meine Schwester hat mich aufgeschrieben für die Schule. Und dann ist meine Mutter nach Hause gekommen, meine Schwester hat ihr erzählt, dass ich jetzt für die Schule eingeschrieben bin und meine Mutter sagte nur „Wie soll das gehen, es ist doch nichts anzuziehen da!" Na und dann wollte sie doch, dass ich lerne, ein bisschen schreiben kann. Dann hat die Schule angefangen im September.
Dann hat meine Mutter mir was umgehängt, es war kein Kleid, kein Rock, ein Tuch, das war alt und kaputt, an den Beinen hatte ich nichts und alte Schuhe hat meine Mutter gefunden. Meine Schwester hat aus einem Stück Holz und einem Riemen Schuhe gehabt und so hat sie mich zur Schule gebracht. In der Schule hat meine Schwester mir die Schuhe ausgezogen und sie selbst angezogen. Nachmittags hat sie mich abgeholt und dann hat sie wieder die Schuhe aus dem Stück Holz angezogen. Und es war Winter und bitterkalt. So war ich 4 Klassen in der Schule und da habe ich schön gelernt, auch gut gelernt. Am liebsten habe ich Rechnen gehabt. Meine jüngeren Geschwister sind auch 4 Klassen zur Schule gegangen, mehr nicht. In dem Dorf waren nur 4 Klassen, die 5.- 10. Klasse war weiter weg in einem anderen Dorf, da hat meine Mutter gesagt: „Ich kann Dich nicht weiter lernen lassen." Ich hätte bei anderen Leuten leben müssen, da hätte meine Mutter Geld zahlen müssen und wir hatten kein Geld.


Ich war dann ja schon 13 Jahre und bin zu den reichen Leuten gegangen zur Arbeit. Das waren Russen, die hatten eine Kuh, hatten Schweine, Gänse und Enten, die Frau hat in einer Schule gearbeitet und der Mann hat auf einer Maschine gearbeitet. Das hat sich gut gerechnet. Dort habe ich 1 ½ Jahre gearbeitet, habe auf das Kind aufgepasst, das war 2 Jahre alt.
Diese Familie hat weit weg gewohnt, in einem größeren Dorf, vielleicht 60 km weit weg von uns, da bin ich zu Fuß hingelaufen. Ich sollte auf das Kind aufpassen und waschen für das Kind und für mich selber. Dafür hat sie mir 40 Rubel gezahlt im Monat und ich konnte da essen. Das war gut. Ich wusste nicht, was Zucker ist, was Brot ist, Mehl. Und die Frau sagte: Du sollst immer satt sein, ich gebe Dir anzuziehen. Dann hat sie mir nach einem Monat 40 Rubel gegeben, den nächsten Monat wieder, dann wieder -es waren schon 120 Rubel. Dann ist meine Mutter gekommen und hat das Geld genommen. Dann hat die Frau gesagt, „Du musst nicht immer alles Deiner Mutter geben. Du musst auch mal ein Kleid haben." Sie hat einen schönen Stoff gekauft und hat mir ein ganz schönes Kleid genäht - die war so gut zu mir.
Dann ist meine Mutter gekommen, um Geld zu holen und ich hatte keins, da hat sie geschimpft. Sie war sehr streng, was sie sagte, das war richtig, das wurde gemacht.
Diese Russin hatte nichts gegen Deutsche, sie sagte auch, wenn Samstag, Sonntag war: „Jetzt hast Du Ruhetag, jetzt kannst Du gehen, wohin Du willst." Dann bin ich zu einer deutschen Frau gegangen und habe mit ihr Deutsch gesprochen, diese Frau und meine Mutter haben immer gesagt, „Du musst auch Deutsch sprechen, nicht immer nur Russisch, sonst vergisst Du Deutsch!"
In der Zeit habe ich bei der Russin alles gemacht, was ich konnte: gewaschen - mit einem Brett-, geputzt, gebacken und sie war zufrieden mit mir.
Nach 1 ½ Jahren ist mein Bruder gekommen und hat gesagt, ich soll nach Hause kommen. Meine Schwester hatte geheiratet und wohnte jetzt mit ihrem Mann in einem andern Dorf und es gab niemanden mehr zum Kartoffeln stecken, und da wollte sie, dass wir wieder zusammen sind - ohne meine Schwester. Und die Russin hat so geweint, sie wollte, dass ich bleibe - und ich war auch traurig, ich wollte auch lieber bleiben.


Also bin ich zurück und bin zu den Melkern gegangen. Bei den Melkern war noch ein anderes Mädchen, der habe ich gesagt, dass ich weglaufen will und zurück zu der Russin, die hat das dann meiner Mutter gesagt. Bei den Melkern haben wir kein Geld bekommen, nur „Knüppelchen". Da haben wir ein Heft gehabt, da wurden „Knüppelchen" eingetragen, 6 oder 7 Knüppelchen und am Ende des Jahres haben wir für die Knüppelchen Weizen bekommen. Wenn es ein gutes Jahr war, dann viel Weizen, wenn nicht, dann eben nicht so viel. Ich habe gemolken und musste z.B. 100 Liter melken, wenn ich mehr gemolken habe, dann durfte ich das Mehr behalten. Auf jeder Kuh war ein Plan, die eine musste so viel, die andere Kuh soviel Milch geben. Wenn es bei der Kuh mehr war als der Plan, war das für mich. Und wenn ich in einem Jahr mehr Milch hatte als ich musste, so habe ich z.B. mal 500 l Milch bekommen. Die habe ich dann bei der Molkerei abgegeben, und wir haben auch selber was behalten und haben davon Schmand, Sahne und Butter gemacht und dann sind die Leute aus der Stadt gekommen und haben uns das abgekauft. Ich habe auch mal ein Kalb dafür bekommen, so hatte ich irgendwann auch ein Kalb, später dann die Kuh und so hatten wir selber Milch. Den Weizen, den wir für die „Knüppelchen" bekommen haben, den haben wir zur Mühle gebracht, da wurde er gemahlen und dann haben wir das Mehl auch verkauft an die Leute aus der Stadt.
Als Melkerin habe ich 6 Jahre gearbeitet.


1958 habe ich geheiratet. Mein Mann war auch Aussiedler, er kam ursprünglich aus Saratow (Wolga-Tal) und ist nach Kasachstan vertrieben worden. Ab 1957 (Ende der Zeit unter der Kommandantur) suchten die deutschen Leute ihre Freunde und Verwandten, und meine spätere Schwiegermutter hat ihre Schwester gesucht bei uns im Altei -Gebiet und hat sie bei uns gefunden. Damals hieß es bei unseren Eltern immer, „bloß keinen Russen heiraten, ein Deutscher soll es sein". Ich wollte lieber einen Russen heiraten. Aber dann haben wir uns bekannt gemacht und haben geheiratet. Meine Mutter hat gesagt, „Du musst den Deutschen nehmen", die beiden Mütter kannten sich und sie fand es richtig so. Ich habe gehorcht.
Im Herbst 1958 haben wir geheiratet und mit meinem Mann bin ich dann im Mai 1959 in den Kasachstan gezogen. Im Kasachstan haben die Menschen schon für Geld gearbeitet, im Altei immer noch für „Knüppelchen". Und mein Mann hatte bereits ein schönes kleines Haus gebaut und wollte weiterhin für Geld arbeiten. Ich wollte nicht in den Kasachstan ziehen. Ich habe immer wieder zu meiner Mutter gesagt, „Ich will nicht, ich will nicht hier weg", aber sie hat gesagt, "Du musst, Du bist jetzt verheiratet. Wenn Dein Vater jetzt hier stehen würde und sagen würde, geh mit mir, dann würde ich auch alles fallen lassen und mit ihm gehen, das ist so, wenn man einen Mann hat." Ich habe mich sehr gewehrt, schon als der Wagen beladen war und mein Mann mit mir wegfahren wollte, bin ich weggelaufen, zurück zu meiner Mutter. Aber sie ist böse geworden, hat die Gardinen runter gerissen und hat mir befohlen zu gehen.


Im Juni sind wir also in den Kasachstan gezogen, im Juli habe ich mein erstes Kind, einen Sohn, geboren. Zwei Monate nach seiner Geburt habe ich auch im Kasachstan wieder als Melkerin gearbeitet. Mein Kind musste ich alleine lassen, ich hatte niemanden, der nach ihm guckt. Wir waren auch im Kasachstan sehr arm, als es besser wurde, habe ich im Krankenhaus angefangen zu arbeiten. Dort habe ich in den ersten 3 Jahren in der Küche geputzt. In diesen Jahren hat man mich noch oft als Faschistin bezeichnet und so getan, als wenn ich nicht fleißig wäre und schlecht arbeite. Auch wenn wir oft zusammen gesungen haben - russische Lieder - am Ende oder wenn irgendein Streit war, war eine Deutsche immer die Faschistin.


Nach 3 Jahren haben sie mich zum Kochen genommen, das habe ich erst 7 Jahre gemacht. Dann war ich richtig Köchin, das habe ich dann noch mal 22 Jahre lang gemacht. 32 Jahre habe ich im Krankenhaus gearbeitet.
Meine Kinder haben bis auf die Jüngste alle eine Ausbildung gemacht, die Mädchen haben alle gut gelernt, die Jungen auch, nur der älteste nicht so sehr. Der ist auch im Kasachstan geblieben, alle anderen Kinder sind mit nach Deutschland gekommen. Meine jüngste Tochter konnte auch gut lernen, aber sie hat es nicht mehr geschafft, eine Ausbildung im Kasachstan zu machen. 1995 hatten Deutsche im Kasachstan schon keine Chance mehr, eine Lehrstelle zu bekommen.
Zu Zeiten der Sowjetunion durften Deutsche nicht in der Post arbeiten, bestimmte Berufe durften sie nicht lernen. Fast nie war ein Deutscher z.B. Lehrer.


1993 haben wir angefangen, darüber nachzudenken, nach Deutschland zu gehen. Es war sehr schwierig, an die Papiere zu kommen.
Meine Kinder wollten auch alle nach Deutschland. Es ist überhaupt so, dass alle im Kasachstan, die nicht Kasachen sind, das Land verlassen. Mittlerweile ist es im Kasachstan so, dass alle, die nicht Kasachen sind, viel weniger Chancen haben, sie können kaum eine Ausbildung oder gar Karriere zu machen. Führende Positionen nehmen sowieso nur Kasachen ein. Zu Zeiten der Sowjetunion war im Kasachstan Russisch die Amtssprache und alle Menschen haben Russisch gesprochen, seit der Unabhängigkeit 1991 ist Kasachisch die Amtssprache und alle Kinder müssen schon Kasachisch lernen und sprechen. Nach Kasachstan kommen jetzt Kasachen aus Usbekistan oder der Mongolei und sie bekommen dort Hilfe, Arbeit, Häuser.


Insbesondere die Russen sind heute sehr unbeliebt im Kasachstan, die Kasachen fragen, "Was machst Du hier in unserem Land, Du gehörst nicht hierher!" Für Ausbildungsstellen muss man heute oft bezahlen, nur die Kinder von Reichen können sich das leisten. Besonders gute Schüler können vielleicht auch noch was lernen, aber dann zahlt der Staat die Ausbildung und man muss das Geld später zurückzahlen, wenn man Arbeit hat.
Die alten Menschen, auch ich, haben oft keine Rente bekommen - fast nie. Ich habe ein Jahr keine Rente bekommen, also habe ich weiter gearbeitet. Schlimm ist auch, dass alles immer teurer wird und wenn man dann die Rente endlich nach 5 Monaten oder einem Jahr bekommt, ist das Geld schon viel weniger wert.


Wir wussten, dass es schwer wird in Deutschland, ich habe es mir aber anders vorgestellt. Ich habe mein ganzes Leben lang gedacht, dass ich die deutsche Sprache kann und jetzt weiß ich, dass ich es nicht kann. Die Menschen sprechen anders. Ich spreche einen Dialekt. Als ich hier her kam im November 2002, ging es mir nicht gut, im Dezember richtig schlecht. Da haben meine Kinder mich ins Krankenhaus gebracht und der Arzt fragte mich „Sprechen Sie Deutsch, verstehen sie Deutsch?" und ich sagte " ja, ich spreche Deutsch, aber ich verstehe schlecht, die Deutschen, halb sagen sie, halb schlucken sie..." der Arzt lachte. Er konnte mich gut verstehen, weil seine Großeltern auch aus Saratow kamen.

 

 

 

 

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Kommentare: 2
  • #1

    uwe (Mittwoch, 01 Oktober 2008 20:45)

    Ich behaupte, dass der "Gütegrad" der Heimat nicht identisch ist mit der Bedeutung derselben. Was ist Heimat für Dich? Ist Dein Sehnen mit dem verbunden?
    Ist dieser Arzt das einzige Stück Heimat, was Du gefunden hast? Was ist Deutschland? Erhoffte, doch nicht realisierbare Heimat?

  • #2

    Bettina (Dienstag, 04 November 2008 00:14)

    Erschütternd!Der Bericht hat mich wie ein eiskalter Wind, vor einem grauen Himmel, getroffen.Ich kann mir vorstellen, dass man so auf sein Leben zurück blicken kann. Doch stimmt mich das gerade echt traurig.

 

 

Kai Mertig hat mir ein Gedicht zugeschickt, das ihm eingefallen ist beim Studieren dieser Seiten:

 


ANDERSWO, HEIMAT

 

da kommst du an den ersten ort.
nenn ihn kaum geatmeten himmel. ungetrennten.
nenn ihn azurenfeld, nie durchtobt,
oder land das wankend war

 

treiben will dein haus, nie ins hingegoldete watt;
alte seemannsprache wie weit trägt sie dich:

 


hier wirst du schweigen.

 

 

 

 

 

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Kommentare: 4
  • #1

    sonja (Donnerstag, 25 September 2008 19:10)

    ...fällst ins nichts

  • #2

    Bettina (Dienstag, 04 November 2008 00:15)

    WOW! Sehr schön...

  • #3

    malin (Mittwoch, 10 Februar 2010 14:25)

    Tolle Dichtung!!!

  • #4

    cannon shelly (Donnerstag, 18 Dezember 2014 23:13)

    Gute day.Compliments der Saison an euch alle da draußen .. Ich bin so voller Freude, wie ich schreibe diesen Beitrag jetzt .. ich wirklich haben ein eigenes mit einem echten Zauberkundigen, die so wahr ist mit gezählt hatte Wort und er ist tut, was er sagt, dass er tun wird. Er ist der realest aller Zauberwirker da draußen .. so echt und wahr. Ich möchte Hohepriester ozigididon für alles, was er für mich in der kurzen Zeit, die ich traf ihn .. er hat wirklich mein Ende des Jahres zu einem unvergesslichen Erlebnis gemacht und hat mich wissen, dass es noch Hoffnung gemacht hatte bedanken. Vielen Dank noch einmal für die zurück zu bringen meine verlorene Liebe und macht mein Leben süß und besser .. Ich bin so glücklich für die göttliche umdrehen er mein Leben gebracht. Freunde da draußen .. Suche nicht weiter für gefälschte und Betrug Zauberkundigen, ist die echte highpriestoziigididon@gmail.com und sein Name ist Hohepriester ozigididon, Sie erreichen ihn heute und teilen Sie Ihre Probleme mit ihm, und ich bin so optimistisch wird es eine Lösung für dieses Problem, wenn zu hohe Priester ozigididon gebracht. highpriestoziigididon@gmail.com