karl

 

Karl ist 80 Jahre, Pfarrer im Ruhestand, ich habe von ihm gehört, ihn angerufen und nach einem Termin gefragt. Er war einverstanden, hat mich zu sich nach Hause eingeladen. Ich war etwas aufgeregt, habe nach zwei Minuten mein Glas Wasser auf seinem Sofa verschüttet. Karl hat nur abgewunken und gesagt: nur Wasser. Und weiter geredet. Es gab auch eine Menge zu erzählen...

 

 

 

 

 

 

EIN ACHTEL EINES LEBENS

 

 

Ich war noch nicht sechzehn, da bin ich von der Schulbank weg verhaftet worden.

 

Ich muss sagen: ich bin in der HJ gewesen. Erst Jungvolk, dann mit 14 in die Hitlerjugend. Es gab hier verschiedene HJ-Gefolgschaften, das war das Normale, und dann gab es Sondereinheiten: Marine-, Flieger- und Motor-HJ. Da sind wirklich viele begeistert worden: wer will nicht gerne mal fliegen! Aber in Wirklichkeit waren das natürlich die Kader... und dann gab es noch eine Sondereinheit und das war die Reiter-HJ. Und ich hatte Glück, dass ich dorthin kam, zu den Reitern. Bei den anderen HJ-Einheiten herrschte ausgeprägter NS-Geist. Bei den Reitern fast gar nicht, wir hatten auch eine gute Ausrede: wir hatten ja nicht nur Reitstunden, wir mussten uns ja auch um die Pferde kümmern. Also, wir hatten viel mehr zu tun als die anderen und da blieb uns ja gar nicht so viel Zeit für das andere... wie sagt man? Trick siebzehn!

 

Als ich verhaftet wurde, gings gleich erstmal nach Hause, Hausdurchsuchung. Da wurde vieles mitgenommen, auch die Schreibmaschine. Und der Gestapo-Mann hat sich meine Bücher angeguckt und dann fragte er: Warum steht „mein Kampf" neben „Rasputin"? Warum? Und da hab ich gesagt: Na, das hat sich so ergeben... Und da hab ich Dresche gekriegt. Und so ging das weiter. Körperliche Misshandlungen.

 

Sommer '43, da musste man Kriegsdiensteinsatz machen. Und ich habe bei meinem Onkel gewohnt und konnte mich über ihn als Bademeister bewerben. Da kriegte ich ein paar Pfennige, das war nicht schlecht. Aber das Wichtigste, das große Erlebnis war: dass ich zum ersten Mal Auslandssender gehört habe, bei meinem Onkel. Ein schweizer Sender. Und da bin ich schockiert worden! Was ich da hörte! Das hab ich dann später mit meinen Schulfreunden besprochen und von denen hatte auch einer London gehört. Und dann haben wir angefangen, Ideen zusammenzutragen, was man machen könnte. Wir wollten, dass die Amerikaner und die Engländer und die Russen, wenn sie kommen, noch ein paar Leute finden, mit denen sie ein neues Deutschland aufbauen können. Wir waren fünfzehn Jahre, nicht wahr!

Wir waren insgesamt fünf. Und wir haben gesagt: es muss was passiern. Und da haben wir dann ein Flugblatt zusammengebastelt. Wir haben eigentlich nur die Nachrichtenmeldungen aufgeschrieben, die Forderungen des Nationalkomitees freies Deutschland.


Also, wenn ich das heute vergleiche: unser Flugblatt, gemessen an dem, was die Geschwister Scholl gemacht haben, dann würde ich fast sagen, dann ist das, also, geradezu, naja: primitiv. Aber gut, die waren zehn Jahre älter.
Ich habe die Flugblätter dann auf meiner Reiseschreibmaschine getippt. Und dann sollte das Ganze verteilt werden, wir wollten nicht nur wir fünf bleiben, wir wollten das groß verteilen- und einer hat uns dann verraten. Zum Direktor ist er und der hat dann die Gestapo gerufen und dann ging alles ganz schnell. Und dann waren wir erstmal in den Klauen der Gestapo für ne knappe Woche. Da waren wir wirklich froh, als wir ins Gefängnis eingeliefert worden sind und der Gestapo erstmal entkommen waren. Es gab Schläge, Erniedrigungen.

Wir waren erst alle in Einzelhaft, dann sind wir rückverlegt worden in Sammelzellen. Nur unser Anführer, der blieb isoliert, von dem wurden wir auch fern gehalten. Rückblickend kann man sagen: wir waren privilegiert, denn im Gefängnis waren nur Kriminelle, wir waren die einzigen Politischen. Da hatten wir ein gewisses Ansehen, unter den Häftlingen, aber auch unter dem Wachpersonal.

 

Hochverräterische Umtriebe. Das war der Anklagepunkt. Wir waren ein halbes Jahr lang Untersuchungshäftlinge, weil kein Amt genau wusste, was sie mit uns machen sollten. Und dann ging es ans Oberlandesgericht Kassel. Und zum Glück waren nicht alle Richter Nazis. Unser Richter hat die Geschichte etwas heruntergespielt und so sind wir verknackt worden wegen Vorbereitung eines hochverräterischen Unternehmens. Also Vorbereitung! Unser Anführer hat zwei Jahre bekommen, die anderen sechs Monate und ich hab achteinhalb gekriegt.

 

Nach den achteinhalb Monaten wurde ich entlassen. Ich musste mir dann dringend Arbeit suchen. Auf die Schule zurück konnte ich nicht und ich musste Geld verdienen. Ich hab dann ausgerechnet in einem Schreibmaschinenwerk angefangen. Aber nach drei Wochen wurde der Firma meine Akte zugestellt und dann sagte der Abteilungsleiter: Verschwinden Sie! Für jemand, der sich gegen unseren Führer versündigt, haben wir keinen Platz!

Ich war also ungelernt und ohne Schulabschluss. Ich hab eine Stelle in einer kleinen Fabrik für Einlegesohlen bekommen. Dort wurde ich aufgenommen für ein paar Monate. Dann kam ich zum Arbeitsdienst nach Niederbayern in die Schreibstube, das war September '44. Im Januar musste ich dann doch noch zur Wehrmacht. Nach Hanau bei Frankfurt bin ich gekommen. Hanau ist zu fünfundneunzig Prozent zerstört worden und von unserem Bataillon, wir waren 1200 Leute, haben nur rund 400 überlebt. Am 4.4.45 bin ich dann in amerikanische Gefangenschaft gekommen.

 

Erst hat man uns nach Marseille geschafft, in die Waggons, runter in den Hafen und auf ein Schiff. Das war Ende April. Und dann fanden wir uns wieder irgendwo im Mittelmeer, tausend Gefangene an Bord und dann gings weiter Richtung Amerika. Und am achten Mai, Kriegsende, steuerte unser Schiff wieder Richtung Europa. Ich bin auf diese Weise vier Wochen auf einem Kahn gewesen. Und dann gings wieder nach Marseille - in die Hölle.
Wir kamen dann bald wieder in Waggons und waren dann französische Kriegsgefangene in Toulon. Das Lager war überfüllt und wir wurden ohne Zelte, ohne alles in eine Radrennbahn gesperrt. Und wer auf die Rennbahn trat, der wurde einfach abgeknallt.


Dort hatte ich dann ein sehr wichtiges Erlebnis: in eine Decke gehüllt lag einer dort rum, der war schon wirklich sehr krank, aber der lag da und hatte etwas in der Hand, der las. Und was las der? Das neue Testament. Und da hab ich ihn gefragt, ob ich auch mal lesen könnte. Und am nächsten Tag bin ich wieder hin und habe ihn wieder gebeten. Ich will nicht sagen, dass ich ihn beneidet hab, aber es war fast so. Und als ich das dritte mal kam, habe ich ihm meine halbe Brotration gegeben, um das neue Testament lesen zu können.

 

Ich durfte dann im September in die Provence, einem Weinbauern bei der Ernte helfen. Da gings mir gut. Ich musste zwar bei den Tieren im Stall schlafen, aber essen durfte ich am Tisch, mit der Familie. Wenn man ordentlich arbeitete, dann war alles klar. Ich hab mir Mühe gegeben. Ich war Porteur, das ist schwere Arbeit. Aber weil er mit mir zufrieden war, durfte ich länger als die sechs Wochen bleiben und ich musste nicht zurück ins Lager.

Mittlerweile hatten meine Freunde, vor allem unser Anführer, mit den Behörden gesprochen, dass ich inhaftiert bin und dass ich eigentlich nicht in Gefangenschaft gehöre. Die haben alle Hebel in Bewegung gesetzt, dass ich Weihnachten '47 hätte entlassen werden können. Aber bei mir hatte es ja inzwischen Klick gemacht. Da war ja was passiert. Ich hatte mir also vorgenommen, dass ich mich, bevor ich aus der Gefangenschaft entlassen werde, noch konfirmieren lasse. '42 hatte ich das noch abgelehnt, weil ich das nicht glaubte und ich wollte nicht einfach so mitlaufen. Aber nun hatte es eben Klick gemacht. Am ersten Advent '47 bin ich dann in der Lagerkirche konfirmiert worden. Und das war für mich ein so starkes Erlebnis! Und dann habe ich dem Lagerpfarrer gesagt: Ich kann dich nicht alleine lassen, ich werde zum Lagerkommandanten gehen, dass er einen anderen für mich entlässt - ich bleibe noch bei dir. Und das war ne gute, wenn auch schwere Zeit. Wir sind im Januar, Februar mit dem Fahrrad die ganze Côte Azur lang geradelt, zu immer anderen Arbeitskommandos. Es war schwer, aber bitte! Die zweite Aufgabe war, alle Verstorbenen in Gefangenschaft und alle Gefallenen von der Invasion, insgesamt dreitausend Leute, aufzulisten. Ich habe sechs Wochen lang nur Totenlisten geschrieben.


Und dann kam irgendwann die Entlassung. Wir haben unser Lager aufgelöst und sind immer weiter in andere Lager, die wurden alle aufgelöst und ich war immer unter den letzten fünfzig Leuten, die ein Lager auflösten. Und als wir dann schließlich in Avignon waren, wusste ich: hinter dir ist keiner zurück, da ist niemand mehr. Im Gegensatz zu den russischen Gefangenen, die sind ja erst in den 50er Jahren gekommen. Das war September 48, dreieinhalb Jahre Gefangenschaft.

 

Dann gings also zurück. Der Pfarrer und ich haben uns in der Nähe von Stuttgart entlassen lassen. Unsere Fahrräder durften wir mitnehmen. Wir mussten die Totenlisten in Schwäbisch-Hall abgeben. Wir haben uns so durchgeschlagen, durchgehungert. Wir sind in vier Wochen gute tausend Kilometer durch den Schwarzwald gefahren.


Ja, und dann bin ich am ersten November in die Sowjetische Besatzungszone geradelt. Bin bei Büchen über die Grenze, dann nach Erfurt. Meine Familie hatte ich ja vier Jahre nicht gesehen. Ich war einundzwanzig Jahre damals.

 

 

 

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Kommentare: 1
  • #1

    bevv (Samstag, 25 Oktober 2008 01:22)

    Gute Seite!

    Glückwunsch