mathias

 

 

Mathias, 24, studiert Kulturwissenschaften und europäische Ethnologie in Berlin. Hat mich als Stadtführer durch Erfurts Straßen geführt und später mit mir gegessen. Lacht und redet so viel, dass er für fünf Stangen Spargel und drei halbe Kartoffeln mehr als eine Stunde braucht.

 

 

 

 

GOETHE GESAUGT

 

 

Und die eine Frau im Archiv meinte dann: „Der Herr Kubitza hört auf! Sie wollen wohl wieder faul sein?!" Nee, genau das eben nicht. Das hat mich echt geärgert! In diesem Archiv, was habe ich denn da gemacht? Die absurdesten Sachen! Stundenlang mit einem komischen Kneifer Büroklammern und Tackernadeln von Akten lösen. Stundenlang!

 

Wieder in die Schule zu dürfen, das glaubt man ja kaum, aber das war wirklich ein Glück für mich, vielleicht einer der glücklichsten Momente überhaupt. Ich hab 2000 meinen Abschluss gemacht und dann blöderweise diese Ausbildung angefangen, als Archivar. Am Anfang hab ich noch gedacht: das wird, das wird, aber dann hab ich ziemlich schnell gemerkt: nee, hier kann ich nicht bleiben. Obwohl ich mit meiner Ausbilderin echt Glück hatte: tolle Frau, wir haben uns immer gut verstanden, heute noch!


Ich wollte unbedingt wieder zur Schule. Wieder das normale Leben führen, mit Gleichaltrigen, nicht mit verstaubten Archivaren, ich wollte wieder was lernen! Letztlich habe ich dann nen Platz an nem Gymnasium bekommen, musste mir aber vom Schulamt ne Sondergenehmigung holen. Diesen Moment werde ich nicht vergessen: Ich bringe meinen Brief persönlich ins Schulamt und hab noch extra drauf geschrieben: „eilt sehr". Ich drücke ihn der zuständigen Frau in die Hand und sie meint: „Eilt sehr? Na dann!" Und macht den Brief direkt auf, während ich so neben ihr stehe und sie liest und überlegt. Völlig unglaublich eigentlich - ein Moment! Sie nickt so, guckt so, sagt: „Naja, also eigentlich geht das ja nicht - aber wir machen das!" Und schreibt mit so mitm Kuli oben „genehmigt" drauf. Für die war das ein Wort mit nem Kuli, aber für mich war das ein neuer Abschnitt, vielleicht die schönste Zeit bis jetzt: ganz bewusst und gewollt in der Schule. Das war so geil! Schreibtisch kaufen, Stifte kaufen, Ordner anlegen, kariertes, liniertes Papier, wie glücklich einen das machen kann, unfassbar!

 

Und jetzt Studium. Aber das füllt mich nicht aus, an der Uni passiert nichts, irgendwie. Ich hab mir das schon anders vorgestellt. Ich hab damit nicht so viel am Hut, meine Prioritäten sind woanders. Tolle Themen zwar, aber wenig Substanz. Ich such mir das dann eben außerhalb der Uni. Ich mach vor allem viele Praktika, eben auch mitten im Semester, jetzt als nächstes zum Beispiel in Mainz beim ZDF.


Eigentlich schade: Es gibt so viele Seminare, auf die ich Lust hab, wo ich lernen und wissen will , aber dann merkste: die können mir hier leider nichts erzählen. Diese Uni-Welt ist so behäbig, so zerfranst. Ich kann mich da auch nicht motivieren, dieses ganze akademische Milieu, das stößt mich irgendwie ab.
Ich hab ab und zu auch das Gefühl, dass es was mit Berlin zu tun hat, vielleicht. Ist schon ne besondere Stadt. Ich hab zuerst allein gewohnt und dann noch Prenzlauer Berg. Da erstmal! Da! Da hab ich noch ganz andere Probleme bekommen! Mit mir selbst! Das war echt hart, harte Schule für mich! Da hab ich mich noch mal neu kennen gelernt, also: wie man Leute auch hassen kann. Ja, muss ich echt sagen. Es ist nicht zu fassen, was da passiert. Wie die Leute sich da inszenieren.


Witzigerweise war das für mich aber ganz gutes Anschauungsmaterial. Sind ja genau auch die Uni-Themen: Bildung neuer sozialer Milieus, neue Bürgerlichkeit meinetwegen. Da hat man diese Stichworte aus der Uni und direkt vor der Tür kann ichs mir dann live angucken! Und dann guckt man weiter: wie funktioniert Berlin eigentlich? wie setzt sich diese Stadt zusammen, was ist denn hier überhaupt los, wer wohnt wo und warum. Wenn ich mit dem Rad unterwegs bin, fahr ich Umwege, um mir so manche Sachen anzugucken, um zu erfahren, was so los ist. Man kann in Berlin viel spüren, echt. Gerade diese Kontraste zwischen den Gewinnern und dem Elend. Das ist schon permanent sichtbar, fühlbar.

 

Archivar, ha! In Weimar, im Hauptstaatsarchiv, da war meine Aufgabe mal zwei Wochen lang: Aktenberge absaugen, im Keller. Im Keller! Zum Glück hatte ich ein Radio dabei, sonst wär ich durchgedreht. Leider musste ichs ja so laut machen, dass ich das Sauggeräusch übertöne und dann hab ich aus Versehen nen Goethe-Brief weggesaugt. Da war er weg. Einfach weg. Zack: Geschichte vernichtet. Hat aber nie einer gemerkt. Bis jetzt, oh.

 

 

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Kommentare: 2
  • #1

    uwe (Dienstag, 18 November 2008 18:32)

    Nen Goethe-Brief wegsaugen aus Befindlichkeit und dann noch inne Schule dürfen. Du hast se wohl nicht alle? Ich empfehl Dir mal richtige Maloche (sehr altbacken, ich weiß), Fischfabrik, Pommesbude oder so. Ich faß es nicht - ups, wie lustig!

  • #2

    sonja (Freitag, 21 November 2008 19:04)

    ...kann ja nicht so wichtig gewesen sein der goethe-brief, wenn er im keller liegt und verstaubt...und wenn´s noch nicht mal einer gemerkt hat, dass er weg ist...c´est la vie...ich lach mich kaputt