michel


VON ÜBERALL VOM LEBEN HERNEHMEN, DAS IST TANZEN.

 


[Michél Meier, geboren '79, war schon immer Dickkopf. Ist Tänzer (darookies.de) und Tanzlehrer (im Jugendprojekt DeLightHouse) außerdem bald Vater, und was für einer. Michél glaubt lachend an das Schicksal, und im Café kriegt er mehr Kekse zum Milchkaffee als alle andern Gäste (fünf).
Klar, wenn ich die Chance hab, irgendwo mit meinen Vorstellungen reinzurutschen, dann misch ich mit. Perfekt!]

 

 

Tanzen ist das einzige, was ich wirklich kann. Ich kann vieles: ich hab im Hoch/Tiefbau gearbeitet, ich hab im Trockenbau gearbeitet, als Kellner, als Barkeeper, ich hab im Terrassenbau gearbeitet, in Tanzschulen als Tanzlehrer, als Putzkraft, alles, alles. Und überall hab ich was mitgenommen. So funktioniert auch Tanzen, jedenfalls für mich: Leben und Mitnehmen.

Ich bin ja hiphop. Aber hiphop, das ist der MTV-Überbegriff, was ich mach, is numal das Urbane: popping, locking, electric boogaloo, b.boying. Ich versuche, die einzelnen Stile technisch zu behalten, also separat, und sie trotzdem zu mischen, zu vereinen. Unter b.boying gibt es eben viele Richtungen, also: footwork, toprockstyle, powermoves, nur zum Beispiel, und die muss man alle trainieren, alle einzelnen Elemente und dann kannst du anfangen, die zu kombinieren. Crip walk zum Beispiel, das sind nur so kleine Step-Kombinationen. Beim popping arbeitest du nur mit den Muskeln, anspannen, abspannen, da gibt's Freaks, die können sich bewegen, das sieht aus, als wären da Zahnräder drin, echt, wenn die ne Welle machen, also ticking, das ist die Tanztechnik zu popping, das sieht heftig aus, wie ein Uhrwerk.

 

Mit fünfzehn ist mein Vater verstorben. Krebs, und das ging innerhalb von drei Monaten und dann hatte ich ihn schon nicht mehr.
Dann gings los, ich hab den Kopf zugemacht. Ich hab gekifft und dann nur Training, Training, Training, den ganzen Tag. Das war mein Halt. Mit siebzehn hab ich dann gemerkt: Einöde im Kopf, das muss anders werden. Und ich hab aufgehört, mühsam.


Damals irgendwann ist das auch passiert, damals im Auto: Kurz vor Eichelborn haben wir uns mehrmals überschlagen. So. Danach ists anders. Da lebst du intensiver, da lebst du genauer. Zum Glück waren wir alle angeschnallt.

 

Ich bin eigentlich beim Tanzen gelandet, weil ich nie die Möglichkeit hatte für ne Ausbildung. Hab ich mich beworben, hab ich immer Absagen bekommen. Keine Chance: Hauptschule. Dazu das Kiffen, aber richtig fleißig.
Und der Halt war immer das Tanzen, das hat mich da überall rausgeholt.

Seit ich meine Freundin habe, werden mir viele Sachen über das Leben bewusst. Ich werde Vater, ich werde dreißig. Ich bin ein Kind und ich will eins bleiben, aber alles ändert sich, mein Umfeld und ich mich eben mit. So ist das, wie man wird: innen drin ein Kern, der ist fest. Aber außen ändert man sich mit der Welt.


Manche sagen, ich hab verkackt. Na, sollen die erstmal hinkacken, wo ich schon überall hingekackt hab. Zwischendurch mal verkacken, ist nicht so das Problem. Musst den Weg halt wiederfinden.

 

Da hab ich sogar geheult, das war sehr interessant. Klingt unglaublich. Ist aber wahr: Ich war nach sieben Jahren zum ersten Mal am Grab meines Vaters. Und ich habe geweint um meinen Vater, das konnte ich vorher nicht. Ich stand am Grab und hab mit mir selbst gesprochen im Kopf und eigentlich mit meinem Vater. Und ich glaube, er hat zugehört. Kurz bevor ich gehen wollte, ich war da vielleicht eine Stunde, so lange hat mein erster Abschied gedauert, und ich habe zu meinem Vater gesagt: Okay, wenn du mich hörst, wenn du wirklich da bist, dann schick mir ein Zeichen. Und das ist jetzt ungelogen, genau dann, genau in diesem Moment kommt aus dem Gebüsch hinter dem Grab ein Igel hervor! Da hab ich angefangen zu lachen, weißt du: Lachen und Weinen gleichzeitig, so ein Moment. Seitdem ist das son Gefühl, als hätt ich den auf Hosentasche.

 

Jeder kann zu uns kommen, zu DeLightHouse, jeder, da gibt es keine Grenzen. Isses n armer Junge, dann isses n armer Junge. Da kann er nichts für. Hat er Geld, hat er Geld. Dafür kann er nichts. Es geht darum, zu lernen, wie man miteinander umgeht. Da kann jeder immer was lernen. Auch ich. Die Kids brennen und davon kann ich mich doch anzünden lassen, da krieg ich immer Feuer. Freut mich, wenn ein Schüler nen Move hinkriegt, den ich nicht knacke, dann muss ich mir sagen: verkackt, Meier, da musste ran, trainieren. So soll das sein.

 

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Kommentare: 1
  • #1

    indi (Montag, 01 September 2008 21:45)

    ...auch wenn meine menschlichen augen deinen körper nicht mehr sehen können...hast du doch deine unsterbliche liebe in mein herz gelegt...für immer...hab ich dich