ulrike

 

 

Ulrike ist viel rumgekommen. Und froh, dass sie endlich angekommen ist. Ihre Kinder haben ihr eine Heimat gegeben, vielleicht. Wenn sie redet, dann hört man spätestens im vierten Satz, dass sie etwas bewegen will.

 

 

 

 

OHNE BODEN

 

 

Ich fand das alles ganz normal, das war nunmal mein Leben. Was ich exotisch fand, das war das Leben meiner Cousinen in Hamburg. An einem Ort zu wohnen und diese Freiheit: S-Bahn fahren, einkaufen gehen, Freunde treffen. Ich hab ja immer in einem schönen Haus gewohnt, mit Garten und Swimmingpool und eben ner hohen Mauer drumrum. Ich konnte mich nicht frei bewegen. Wenn ich mich mit jemandem treffen wollte, musste der Chauffeur mich fahren. Ich hatte eigentlich nur die Flucht in Bücher, ins Lesen. Und in der Schule war ich sehr gern. Das war mein Tor zur Welt.

 

Ich mach immer irgendwas, bin ein Projektmensch. Und immer kommt was Neues. Die Dinge kommen zu mir, das war schon immer so in meinem Leben: meine Kinder sind zu mir gekommen, meine Partner... und die Arbeiten eben auch. Vielleicht hat das was mit meiner Offenheit zu tun. Sicher auch mit dem Beruf meines Vaters. Der war Diplomat und wir mussten mit ihm alle zwei, drei Jahre umziehen in ein neues Land. Und da lernt man, nicht an irgendetwas festzuhalten. Du musst vertrauen, dass das, was kommt, schon seine Richtigkeit hat und gut ist.

 

Wir sind gereist und haben viel gesehen, aber von dem normalen Leben - nein. Also, dass ich alleine auf die Straße raus bin, das ist nie vorgekommen, undenkbar. Ich hätte auch selbst zu viel Schiss gehabt. Ganz ehrlich: manchmal war ich auch froh über die Mauer um unser Leben, den Schutz. In Bangladesh zum Beispiel, diese Armut, dieser Dreck, das war auch einfach unangenehm. Dieses Elend hat mich als Kind ganz fertig gemacht - ich konnte ja auch nichts tun.

 

Als meine Mutter gestorben ist, war ich vierzehn. Meine Brüder waren zwölf und sechs. Und mein Vater war völlig überfordert. Das entsprach nicht seinem Konzept, plötzlich mit drei Kindern alleine dazustehen, im Ausland. Der stand nicht zur Verfügung in dieser Zeit. Wir Kinder mussten uns selbst durchwurschteln, in Kamerun, damals. Mein Vater ist auch so ein Typ, der denkt, ein Mann ist überhaupt nicht komplett ohne Frau, ich glaube, der hat mir die Rolle der Frau im Haus überstülpen wollen, aber das habe ich nicht mit mir machen lassen, ich hab mich verweigert. Zu meiner Mutter war ich in der Zeit vor ihrem Tod auch widerborstig und ekelhaft gewesen, und hatte dann ein schlechtes Gewissen. Das waren die letzten Momente miteinander, diese Konflikte - und dann haut sie einfach ab. Unfall. Ich hab sie nicht mehr gesehen. Sie wurde nach Deutschland gebracht und wir Kinder waren nicht mal bei der Beerdigung dabei. Du fällst in ein tiefes schwarzes Loch. Und dann musst du sehen, wie du da rauskommst. Du musst dir selber helfen. Ich war so verzweifelt und getrauert wurde nicht. Ich hatte keinen Boden. Aber ich war wütend. Und das hat mir geholfen, vielleicht. Ich habe gedacht: jetzt erst recht. Und dann hab ich mich mit aller Kraft in die Schule geschmissen, Französisch gelernt. Da hatte ich erstmal ne Aufgabe.

 

Wir waren keine richtige Familie mehr, danach. Und als ich dann alleine nach Hamburg bin, nach der Schule, mit 17, dachte ich: so, jetzt geht es los, jetzt kann ich (...) endlich mein Leben leben, selbst bestimmen. Aber ich hatte keine Freunde, keine Ahnung und ich wusste nicht mal, was ich überhaupt will, was ich mir wünsche. Ich glaube, mit meinem eigenen Leben ging es erst mit zwanzig los, als ich in England war. Aber für mich war immer klar, dass ich nach Deutschland zurück muss. Das war wie eine Aufgabe. Ich wollte mich auch in Deutschland behaupten.

 

Und heute bin ich in Erfurt und glücklich. Eine Stadt mit menschlichem Maß, nicht zu groß, nicht zu klein. Hier kann man gestalten. Und das macht Freiheit aus, für mich: seine Vorhaben umsetzen zu können und nicht Spielball zu sein. Vielleicht liegt das alles aber auch weniger an der Stadt, als ich jetzt so denke. Vermutlich hats schon mehr damit zu tun, dass ich eine Familie habe. Als ich meine Tochter bekam, ich weiß noch, da hatte ich das erste Mal das Gefühl eines Ankers in meinem Leben.

 

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