falk

37 sei er, hat er mir gesagt. fotos, nee, lieber nich, hat er gesagt. aber seine geschichte hat er mir schnell und offen erzählt und sich danach verabschiedet, wollte nicht wissen wofür und warum, einfach so. zu einem einzigen foto in der spiegelung einer scheibe uns gegenüber konnte ich ihn überreden.

getroffen hab ich ihn am bahnhof, wo er wohnt, weiß ich nicht. das konnte ich ihn irgendwie nicht fragen.

und angesprochen hab ich ihn, weil mir sein hässliches tattoo aufgefallen ist. 

 

 

 

 

EIN BUNTER BREI DAS ALLES

 

 

Ja, das sieht beschissen aus, klar. So wie verwischt, ne? Ohne Konturen so richtig, ist nur ein hässlicher Brei eigentlich, bisschen bunte Farbe unter der Haut. Das kommt weil: ich hab das nie nachstechen lassen. Dann verläuft das anscheinend so unter der Haut, keine Ahnung.

 

Das ist echt verrückt, das glaubt man ja nicht, dass zwei solche Leute in eine Familie passen, so verschieden. Die ist ja von denselben Eltern groß gezogen worden, meine Schwester. Drei Jahre älter, gut, aber eigentlich alles gleich und dann aber haben wir so ein unterschiedliches Leben. Das ist auch das, was mir irgendwie nicht in den Kopf will, da begreif ich das Leben nicht, an so einer Stelle nur zum Beispiel mal.

 

Eigentlich sollte das ein Wolf unter nem Sternenhimmel werden und der hat grad ein Schaf gerissen, der Wolf, hier das Helle, das ist ne Keule. Aber gut, das sieht man halt nicht richtig. Is auch egal, ich weiß ja, was es werden sollte. Und is ja nur für mich, ne? Wenns einer sehen würde, also, wenns jetzt richtig wäre, der würde ja auch nur nen Wolf und nen Himmel und ne Keule im Maul sehen und wüsste auch nicht, was das zu bedeuten hat. Ein Wolf eben, würd der vielleicht denken. Ist ja eigentlich kitschig. Aber so jetzt is es was persönliches. Ne Lebensgeschichte genau genommen.

 

Nee, die hat alles anders echt: also Familie natürlich, aber alles so wie ich mir das nieniemals vorstellen könnte. Hat nen Professor geheiratet, Haus am Stadtrand, Kinder spielen Instrumente und die ist voll zwanghaft, die wäscht sich allein die Hände zwanzigmal am Tag und ich weiß nicht, wann ich die mal gesehen hab, wie die gelacht hat, echt, nicht mal als Kind erinner ich mich. Die ist immer besorgt. Die hat so viel, also eigentlich alles und die hat nur Angst, nur. Sorge, weißt?
Die haben so richtig feste Zeiten für alles: Essen, Aufstehen, Spaziergang, Bett und so Pläne in der Küche, wer was macht. Tick, Tick, wie ne Uhr, weißt? Komisch, wie sich Geschwister so unterschiedlich entwickeln.

 

Naja, das war: ich bin so zu Mischi hin, das war n Freitag und er hat mir das gestochen, den Wolf und alles. Ich war ja immer bei dem eigentlich, wir hingen da in der Zeit eigentlich immer miteinander rum. Mischi war n Guter, auf jeden Fall. Punk, ein echter, so ein stolzer. Kein Modepunk, wie die Kinder heute oder so. Einer, der einfach anders muss, weißt? Und der hatte aber auch nen ordentlichen Haumich, das auf jeden Fall. Hat aber auch viel Scheiße erlebt. Na jedenfalls Freitag und dann wollten wir uns wiedersehen aufn Mittwoch, ne Woche später oder zwei, zum Nachstechen eben. Ja, und dann war aber eben nichts mit Mittwoch, weil Mittwoch war Mischi dann tot, längst. Überdosis, weißt?

 

Da bin ich ein bisschen so das schwarze Schaf in der Familie. Wenn mal Familienfeste sind, Hochzeit, Beerdigung, Konfirmation sowas, dann sagen die das später auch immer, also beim Bier dann: das schwarze Schaf, weißt? Und dann lacht man so und sagt Prost und so... ja.


Ja, klar, bei mir is schon ganz anders. So: bin bald vierzig schon und hab keine Frau, kein Job, ne? Und irgendwie, ich leb einfach so mein Leben, also keine Verantwortung. Nicht mal für mich, ha! Nee, echt: ich war ja auch schon mal kurz drauf. Heroin jetzt. Und das war dann so, also, das ist jetzt eigentlich dann auch kitschig, aber das war echt so: ich dachte dann, nee, mich frisst der Wolf nicht auch noch. Das schwarze Schaf, das kriegt er nicht, weißt? Ich will meine Sachen hier noch erledigen, ne? Nicht einfach bunten Brei hierlassen und keiner kanns erkennen. Ich glaub eigentlich schon, dass das Sinn macht, dass ich hier bin. Ich helf auch vielen Leuten. Ich bin immer da.

 

Ich hab das eben nicht nachstechen lassen. Also, weil klar: Mischi konnts nicht mehr machen und dass er eben dann stirbt genau, das war dann irgendwie-. Also jedenfalls hab ich das nie machen lassen, weil: das ging eben einfach nicht, weißt? Das wär Verrat gewesen irgendwie. Das hat er mir noch grade so unter die Haut gemacht und dann isser weg und da durft ich dann nicht mehr dran rummachen, ne? Das hat er mir sozusagen hinterlassen. Ich glaub ja nicht an Schicksal, aber das... vielleicht war das sein Abschiedsbrief oder so, weißt? Ne Botschaft oder was.

 

 

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Kommentare: 2
  • #1

    Marija (Mittwoch, 10 September 2008 14:55)

    Falk ist mir sympathisch! Was immer er genau macht, er wird's schon richtig machen.

  • #2

    steak (Freitag, 12 September 2008 14:17)

    Falk super, falk mag ich.